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Gemischte Bilanz: Trotz vieler Herausforderungen auch Grund zum Feiern

Betrieb
Eisenbahnpreises
Arnulf Schuchmann bei der Übergabe des Bayerischen Eisenbahnpreises durch Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter. (Foto: Daniel Karmann)

Über 30 Millionen Fahrgäste,13 Millionen Zugkilometer pro Jahr, seit 25 Jahren im bayerischen Schienennetz unterwegs, über 140 Fahrzeuge und über 850 Mitarbeitende – das ist die BRB in Zahlen. „Wir sind im südbayerischen Raum aus der ÖPNV-Landschaft nicht mehr wegzudenken“, betont BRB-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann stolz. Die vergangenen Jahre mit Corona, 9-Euro-Ticket sowie den massiven, sehr kurzfristigen Infrastruktureinschränkungen haben dem Unternehmen und jedem einzelnen Mitarbeitenden viel abverlangt. Deshalb hofft Schuchmann auf ein ruhigeres Jahr 2023, wie er im ausführlichen Interview erzählt.

Herr Schuchmann, wo geht die Reise hin im Jahr 2023?

Arnulf Schuchmann: Wir wollen den Betrieb stabilisieren und das wird schwer genug bei dem derzeitigen Arbeitskräftemangel. Ich schaue mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. 9-Euro-Ticket, Deutschlandticket, Corona und Maskenpflicht, Arbeitskräftemangel, marode Infrastruktur, steigende Personal-, Material- und Kraftstoffkosten – die Liste der Probleme im ÖPNV, die schon 2020 begannen und sich in den nächsten Jahren fortsetzen werden, ist lang.

Das klingt nach verhaltenem Optimismus, oder?

Arnulf Schuchmann: Wir sind trotz aller Widrigkeiten auf einem guten Weg. Nicht umsonst haben wir Ende des Jahres 2022 den Bayerischen Eisenbahnpreis für die höchste Qualitätssteigerung der vergangenen fünf Jahre im Netz Oberland verliehen bekommen. Unser Einsatz zahlt sich aus. Wir haben engagierte Mitarbeitende, die ihre Arbeit gern machen, trotz Schichtdienst und manch unschöner Vorkommnisse mit Fahrgästen. Wir bekommen immer wieder Lob für unsere Mitarbeitenden und auch mehrere Nominierungen für „Eisenbahner mit Herz“ bestätigen das.

Schiene
Eine starke Schiene ist Gundlage für guten Service (Foto: Dietmar Denger).

Fahrgästen ist die Pünktlichkeit wichtig, kann die BRB hier Positives vermelden?

Arnulf Schuchmann: Ja, tatsächlich liegt die BRB laut einer offiziellen Statistik der DB in 2022 insgesamt auf Rang zwei in Bayern. Der Pünktlichkeitswert beträgt im Mittel 90,7 Prozent. Mit diesem Wert bin ich äußerst zufrieden, ein höherer Wert ist aufgrund des derzeitigen Infrastrukturzustandes kaum möglich. Ich fahre selbst viel mit dem Zug und weiß um den Ärger der Fahrgäste, wenn es wieder einmal zu Verspätungen kommt. Zu oft wird die Bayerische Regiobahn ausgebremst: durch den bevorrechtigten Fernverkehr, durch marode Infrastruktur, durch die schier aussichtslose Suche nach Arbeitskräften, durch Corona. Doch ich will nicht nur kritisieren. Ich habe es in den vielen Jahren, in denen ich in der Bahnbranche tätig bin, nie erlebt, dass so viel über den ÖPNV und speziell den SPNV, den schienengebundenen Nahverkehr, diskutiert wurde. Leider war der Anlass selten ein positiver, aber es tut sich etwas. Ein `Weiter so´ wird es nicht geben können.

Die nächsten Jahre werden wegen des Sanierungsstaus auf der Schiene noch einmal hart. Aber dann, wenn jede Schwelle, jedes Stellwerk, jedes Stück marode Infrastruktur erneuert wurde, dann wird der SPNV endlich wieder zuverlässig fahren können. Gibt es heuer wieder größere Baustellen?

Arnulf Schuchmann: Ja, für heuer sind wieder einige größere Baustellen von den Infrastrukturbetreibern angekündigt, so zum Beispiel Anfang Juni zwischen Miesbach und Bayrischzell, im Juli zwischen Tegernsee und Gmund oder auch bereits im April und Mai zwischen Rosenheim und Übersee. Wenn der Zugverkehr reibungslos ohne Störungen läuft, bleibt aber immer noch eine Einschränkung: der Arbeitskräftemangel. Keiner kann heute sagen, wie lange er dauern wird und das ist das große Dilemma, in dem wir alle branchenweit stecken: es kann nicht alles gefahren werden, was wünschenswert ist, sondern es kann nur gefahren werden, was mit dem vorhandenen Personal zuverlässig möglich ist. Wir unternehmen große Anstrengungen, um neue Arbeitskräfte für den Beruf des Triebfahrzeugführenden und des Kundenbetreuenden zu begeistern. Doch es ist sehr schwer, neue Mitarbeitende zu finden.

Im Gegensatz zum 9-Euro-Ticket profitieren dieses Mal unsere treuesten Fahrgäste, nämlich die Pendlerinnen und Pendler, und das ist der richtige Weg, wenn die Rahmenbedingungen für uns Eisenbahnverkehrsunternehmen dann auch stimmen.
Arnulf Schuchmann über das Deutschlandticket
Fahrzeugübergabe
Vor gut einem Jahr schneite es bei der Fahrzeugübergabe im jüngsten BRB-Netz Berchtesgaden-Ruhpolding kräftig: BRB-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann (links) mit Jörg Hagemeyer, Engineering Director bei Alpha Trains Europa, dem Leasing-Partner der BRB.

Gerade Pendler*innen warten sehnsüchtig auf das Deutschlandticket, was müssen sie tun, um schnellstmöglich in den Genuss dieses Tickets zu kommen?

Arnulf Schuchmann: Auf das Deutschlandticket sind wir bestens vorbereitet und bereits heute können wir online Vorbestellungen aufnehmen. Abonnenten rate ich allerdings, einfach abzuwarten. Vor dem Start des neuen Tickets werden sie ausführlich informiert und können sich dann in Ruhe entscheiden, welches für sie das beste und günstigste Angebot ist. Im Gegensatz zum 9-Euro-Ticket profitieren dieses Mal unsere treuesten Fahrgäste, nämlich die Pendlerinnen und Pendler, und das ist der richtige Weg, wenn die Rahmenbedingungen für uns Eisenbahnverkehrsunternehmen dann auch stimmen.

2023 ist für die BRB auch ein Jahr zum Feiern?

Arnulf Schuchmann: Ja, 2023 stehen vier Jubiläen an: Das Netz Oberland feiert 25 Jahre Betrieb durch die BRB, Ammersee-Altmühltal 15, Chiemgau-Inntal zehn und Ostallgäu-Lechfeld fünf Jahre. Das „Küken“ in den fünf Netzen ist Berchtesgaden-Ruhpolding mit seiner Betriebsaufnahme im Dezember 2021. Vor Kurzem erfolgte die erste Nagelprobe auf der neu in Betrieb genommenen Strecke Traunstein – Ruhpolding mit dem Biathlon-Weltcup. Dank zusätzlicher Zugleistungen kamen die Zuschauerinnen und Zuschauer schnell ins Stadion und wieder nach Hause.

Kürzlich erst entgleiste ein Zug der BRB im Oberland. Ist Bahnfahren eigentlich sicher?

Arnulf Schuchmann: Die Entgleisung unseres Zuges im Bahnhof Peiting Ost hat auch mir im ersten Moment den Schreck in die Glieder fahren lassen, doch schnell konnte so weit Entwarnung gegeben werden, dass niemand zu Schaden gekommen war. Wegen der laufenden Ermittlungen halten wir uns mit Informationen derzeit zurück. Doch eines möchte ich betonen: Gerade weil Unfälle mit Zügen so selten sind, ziehen sie verständlicherweise einen hohe Aufmerksamkeit nach sich. Damit möchte ich den Unfall in Peiting nicht kleinreden, aber eine Zugfahrt ist mit weitem Abstand die sicherste Methode zu reisen. Da kann eine Autofahrt niemals mithalten.

Ist die BRB auch ein innovatives Unternehmen? Der Wasserstofftestzug weist darauf hin.

Arnulf Schuchmann: Wir sind und bleiben ein zuverlässiger Mobilitätspartner, unsere Qualitätssteigerung in den Rankings der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und jetzt kommt mit dem Wasserstofftestzug ein weiterer Meilenstein hinzu. Klimaschutz geht nicht ohne SPNV und die Dieseltechnik, auch wenn wir mit den nagelneuen und topmodern ausgestatteten Fahrzeugen im Netz Ammersee-Altmühltal deutlich umweltschonender als mit der alten Flotte unterwegs sind, ist eine Technik, die wir jetzt noch brauchen, die aber keine große Zukunft mehr haben wird. Deshalb sind wir gerne bereit, zusammen mit der Bayerischen Staatsregierung, der BEG und dem Hersteller Siemens Mobility den Testbetrieb für einen Wasserstoffzug durchzuführen, die Weichen für die Mobilität von morgen zu stellen. Der Zug wird voraussichtlich im November geliefert werden und dann im Betriebswerk Augsburg in Betrieb genommen, bevor er Anfang 2024 mit Fahrgästen auf den Strecken Augsburg – Füssen und Augsburg – Weilheim unterwegs sein wird. Er ersetzt dann einen Dieseltriebzug mit einer CO2-Ersparnis von rund 300 Tonnen pro Jahr. Ausgestoßen wird beim grünen Wasserstoff nur Wasserdampf.