
Zeitungszustellerin, Verpflegungsassistentin, Kundenbetreuerin und danach wurde endlich der Kindheitstraum wahr: Triebfahrzeugführerin. Wer Claudia zum ersten Mal trifft, würde sie vielleicht unterschätzen, so klein (1,56 m) und zierlich, wie sie ist. Doch den Fehler sollte man nicht begehen. Sie ist nämlich sehr zäh und das, so hört man es aus dem Gespräch heraus, beweist sie immer wieder. Dieser Eigenschaft, ihrer Hartnäckigkeit, ihrem Durchhaltevermögen und auch ihrem Ehrgeiz – im positivsten Sinn – verdankt sie es, im „fortgeschrittenen Alter“ von Ü 50 den Triebfahrzeugführerschein geschafft zu haben. Zwar über Umwege, aber sie hat ihr Ziel erreicht. Leicht war der Weg nicht, doch unterkriegen lässt sich Claudia nie und wenn sie erzählt, dann immer mit einem Lächeln. „Die Zugverrückte“ nennt sie sich selbst schmunzelnd.
Für die Ausbildung zur Tf, wie Triebfahrzeugführende bei der BRB abgekürzt werden, hat sie sich erst einmal erfolglos beworben. Um doch noch an ihr Ziel zu kommen, bewarb sie sich als KB, das ist die Abkürzung für Kundenbetreuende. Das klappte auf Anhieb und so hatte sie einen Fuß in der Tür. Fünf Jahre war sie Schicht für Schicht in den Zügen unterwegs und kam mit ihrer freundlichen Art bei den Fahrgästen gut an. Dann wurde sie in der Personalabteilung vorstellig, denn den Traum vom Tf hatte sie nie aufgegeben. „Es klappte und ich begann im Oktober 2023 meine Ausbildung“, erzählt sie stolz. „Das war eine tolle Zeit mit super Kolleginnen und Kollegen“, blickt sie zurück. Aber: „Es war so schwierig, wie ich schon befürchtet hatte.“ Nicht der Schichtdienst – sehr frühes Aufstehen kannte sie ja aus der Zeit als Zeitungszustellerin und als KB arbeitete sie auch Schicht. Nein, es war das Lernen. Wenn man es nicht mehr gewohnt ist, jeden Tag neuen Stoff zu pauken, ist das eine Herausforderung mit Höhen und Tiefen. „In der Ausbildungsgruppe haben wir uns gegenseitig unterstützt und ich hatte einen tollen Ausbilder“, schwärmt Claudia heute noch.
In der Ausbildungsgruppe haben wir uns gegenseitig unterstützt und ich hatte einen tollen Ausbilder.
Sie schraubt an ihren Autos selbst herum, was ihr zumindest im technischen Bereich ein wenig half, doch „während der Ausbildung war das Familienleben mehr oder weniger auf Eis gelegt“. Wenn heute technische Störungen am Zug auftreten, versucht sie immer, diese selbst zu beheben. Das ist Aufgabe von jedem und jeder Tf. Dann heißt es: Fahrdienstleiter anfunken, Hotline anrufen, raus aus dem Zug, abrüsten, aufrüsten, so wie beim Auto Zündung aus und an usw. Bisher hat sie es immer geschafft, dass der Zug aus eigener Kraft weiterfahren konnte und nicht abgeschleppt werden musste.

Wie war die erste Fahrt in einem echten Zug statt am Simulator? „Ich habe gleich eine Zwangsbremsung bekommen, das werde ich wohl nie vergessen.“ Sie war so aufgeregt, wie auch bei ihren Prüfungen. Das kann sie bis heute nicht ablegen, doch es hindert sie nicht daran, immer wieder Neues auszuprobieren. Als sie eine Prüfung versemmelt hatte, setzte sie sich hin, lernte nochmal fleißig und schaffte es dann eben im zweiten Anlauf, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen auch. Was ist das Schönste an ihrem Beruf? „Wenn ich im Führerstand sitze, die Sonne geht auf und ich fahre Richtung Füssen, das ist traumhaft. Wenn ich den Bergen näherkomme, den Hopfensee sehe, Schloss Neuschwanstein, da ist jedes Mal eine andere Stimmung, Schnee, Nebel, Sonne, herbstlich gefärbte Blätter. Dann denke ich manchmal Kann mich mal jemand zwicken?“. Und je mehr Zugteile sie angekuppelt hat, je mehr PS das Fahrzeug hat, desto schöner ist das Gefühl, findet Claudia.
Wenn ich den Bergen näherkomme, den Hopfensee sehe, Schloss Neuschwanstein, da ist jedes Mal eine andere Stimmung, Schnee, Nebel, Sonne, herbstlich gefärbte Blätter. Dann denke ich manchmal `Kann mich mal jemand zwicken?

Sie für das Interview zu erwischen, war nicht leicht. Sie kann die Netze Ammersee-Altmühltal und Ostallgäu-Lechfeld fahren, springt gerne für Kolleginnen und Kollegen ein, wenn jemand krank ist oder in der Urlaubszeit. Claudia ist für ihren Partner nach Treuchtlingen gezogen, hatte aber noch lange Zeit ein WG-Zimmer in Augsburg, um nah am Einsatzort zu sein. Ihr Partner bringt viel Verständnis für ihre Leidenschaft auf. Was meinte er, als sie ihm erzählte, sie sei Tf? „Wow, so eine kleine Frau fährt Zug!“ Aber sofort ergänzt Claudia, dass sie im Führerstand trotz ihrer geringen Körpergröße überall hinkommt. Mindestgröße gibt es für Tf übrigens keine.

Nichts ist ihr zu anstrengend, ihr macht der Beruf so viel Spaß, dass sie so gut wie nie jammert. Als ihr Teamleiter auf sie zukam und fragte, ob sie die Zusatzausbildung für den Wasserstoffzug machen wolle, sagte sie sofort zu. Berufliche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es bei der BRB immer wieder. Wenn sich eine anbietet, ergreift Claudia die Chance. Da kommt auch ihre Abenteuerlust durch. Eine Woche wurde sie mit vielen anderen Kolleginnen und Kollegen auf dem Wasserstoffzug geschult. Was ist der Unterschied zu den herkömmlichen LINT-Zügen mit Dieselantrieb, die sonst in den beiden Augsburger Netzen der BRB unterwegs sind? „Das Fahrzeug ist viel leiser, fährt besser an, das Bremsen ist schöner“, schwärmt Claudia. Seit einem Jahr fährt der Zug im Testbetrieb auf den Strecken Augsburg – Füssen und Augsburg – Peißenberg. Es gibt immer noch Fahrgäste, die sich extra die Zeiten im Fahrplan heraussuchen, zu denen der Mireo Plus H von Siemens Mobility unterwegs ist. Er ist eben doch etwas Besonderes.
Wenn Claudia nachts ihr Fahrzeug, egal ob LINT oder Wasserstoffzug, nach der letzten Fahrt abstellt, muss sie noch einige Handgriffe innen und außen erledigen. Ist das nicht unheimlich, nachts allein irgendwo an einem Abstellgleis? „Ich habe keine Angst“, erzählt sie selbstbewusst. Schließlich hat sie zwei Selbstverteidigungskurse während ihrer Zeit als Zeitungszustellerin absolviert, wüsste sich also zu wehren. Darauf zurückgreifen musste sie allerdings noch nie.

Als Frau fühlt sie sich gegenüber ihren männlichen Kollegen weder bevorzugt noch benachteiligt: „Der Zusammenhalt ist groß, einen Frauenbonus gibt es nicht. Egal, ob Mann oder Frau, wir sind untereinander sehr hilfsbereit und unterstützen uns gegenseitig.“
Aber Claudia hatte anfangs auch einen Feind: den „Sifaschalter“. Das Wort steht für Sicherheitsfahrschalter. Das Pedal muss ein Tf alle 30 Sekunden mit dem Fuß drücken und wieder loslassen. Wenn er das vergisst, leuchtet als Warnung erst ein Licht und nach wenigen Sekunden folgt ein Ton. Reagiert der Tf dann noch immer nicht, erfolgt eine Zwangsbremsung. Damit ist sichergestellt, dass ein Zug, dessen Tf beispielsweise ohnmächtig wurde, nicht einfach weiterfahren kann. „Anfangs ist das sehr gewöhnungsbedürftig, doch man gewöhnt sich schnell daran. Heute merke ich das gar nicht mehr, es geht automatisch.“
Und welche Herausforderung nimmt Claudia als nächste an? Sie hat schon eine im Blick, das wird vielleicht dann eine neue Geschichte, wenn sie klappt…

Pressesprecherin, BRB